Am Strand

Ich schließe die Augen; hinter meinen Lidern verschmilzen Sonnenstrahlen und Wind zu warmen Wellen aus Orange und Gelb, die vom sanft rauschenden Meer vor meinen Füßen begleitet werden. Es erfüllt mich mit Frieden, ich strecke meine Arme aus, schwebe auf rund gewaschenen Kieseln und lasse mich von diesem Moment davontragen.

Unter die strahlende Flut von Sonnenwellen mischt sich ein Ton, ganz tief, ein wohliger Bass. er kommt von draußen, ruft nach mir, doch ich bleibe hier liegen und warte, bis die Wogen aus Licht ihn zu mir getragen haben.

Jetzt ist er hier, ganz nah, ich kann ihn spüren, um mich, dann in mir, dieses tief tönende Blau aus dem Ozean, wie es aus einer riesengroßen Muschel in mich flutet und aus den hellen Farbverläufern vor meinen Augen ein tropisches Grün formt, so reich und natürlich, dass ich lange und tief einatme, um es voll und ganz in mich aufzunehmen. Es hält mich nichts mehr, ich lasse mich von Wäldern, Meer, Sonne und Wind davontragen, in die Vollkommenheit.

(Skizze aus dem Sommer 2007)

Das dunkle Zeitalter

In wenigen Minuten würde er das Haus verlassen, um den Zug in die Stadt zu nehmen. Die Tagung der Geschichtsschreiber über das dunkle Zeitalter hatte er selbst mitorganisiert und er würde auch einen Vortrag halten, der in großem Widerspruch zu den gängigen Theorien seiner Kollegen stand. Nun sammelte er seine Papiere, seinen Text. Genau der war es, nicht seiner, sondern generell, der das dunkle Zeitalter so dunkel gemacht hatte. Nichts wussten die Historiker über diese Periode, weil die Menschen keine schriftlichen Zeugnisse hinterlassen hatten. Warum? Das war der Inhalt der Tagung und sein Vortrag würde, so hoffte er, für mehr Klarheit sorgen können.

Er packte auch seinen Tintenfüller und einen großen Notizblock ein; den kleinen mit Bleistift trug er ohnehin immer bei sich, aber er wollte die anderen Vorträge genau studieren und was er sich notierte, würde einer späteren Buchveröffentlichung zugutekommen. Auch vor dem dunklen Zeital­ter hatte es Bücher oder zumindest eine Buchführung gegeben; so fanden Ausgräber alte Texte, die meist Rechnungen und Rechtsprechungen darstellten. Viel wertvoller waren allerdings die wenigen literarischen Zeugnisse und technischen Handbücher, die durch eifrige Kopisten bis in die neuere Zeit gerettet worden waren, wo sie eine Renaissance ausgelöst hatten, kulturell wie maschinell.

Mit der Ledertasche unter dem Arm ging er zum Bahnhof und wartete dort auf den Zug. Eine alte Lok stand auf den Abstellschienen, rostend in der Sonne, die Gleise von dünnen Gräsern über­wuchert. Es gab genug Funde aus der dunklen Zeit, die für eine Fortführung der bestehenden Kultur sprachen, aber sie sprachen in Worten, welche die Historiker nicht verstanden und deshalb werteten einige von ihnen diese Funde als Irrtümer. Es hätte einen gewaltigen Krieg gegeben, nach dessen Ende keine Herrschaftsstrukturen mehr übriggeblieben wären. Mit der politischen Führung wären daraufhin auch die Kultur und mit ihr die Schriftlichkeit verloren gegangen.

Der Zug erreichte die Plattform, er stieg ein und verstaute die Tasche mit den Papieren sorgfältig im Fach über dem Sitz. Vor der Tagung würde er einen befreundeten Kollegen treffen, der statt der Kriegsthese eine des Friedens vertrat. Demnach hätte es zwar einen Krieg gegeben, doch letztlich auch eine friedliche Einigung, in deren Anschluss die Fortführung der schriftlichen Aufzeichnungen nach und nach unnötig geworden wäre, da sie in der Hauptsache der Aufrechterhaltung der militä­rischen Ordnung gedient hätte. Auch er hatte dieser These anfangs zugestimmt, doch waren ihm in Anbetracht der jüngsten Entdeckungen erhebliche Zweifel gekommen. Diese zeigten einen weiteren technischen Fortschritt zu Beginn des dunklen Zeitalters auf. Wie hätten die Menschen dieser Zeit eine Weiterentwicklung ohne Schrift erreichen können?

Die Silhouette der Stadt zeichnete sich am Horizont ab, bald würde die Zeit kommen, dem Fachpublikum seine Thesen zu präsentieren. Nervös nahm er seine Tasche, holte die Papiere heraus und las sie erneut. Lange hatte er geforscht, um die Ergebnisse der Ausgrabungen mit den früheren und späteren schriftlichen Quellen in Einklang zu bringen. Nicht Krieg, nicht Frieden, sondern der technische Fortschritt hatte das Ende der alten Kultur herbeigeführt. Die Schrift war nicht unbedeu­tend geworden, im Gegenteil, sie war immer wichtiger geworden. So wichtig, dass es nicht mehr genug Papier gegeben hatte, auf denen die Texte vervielfältigt werden konnten. Er hoffte, dass seine Beweisführung stichhaltig genug sein würde, denn auch er hatte keine Antwort darauf, wie die neue Schriftlichkeit dieser Zeit umgesetzt worden war.

Der Zug hielt am großen Bahnhof der Stadt an, er stieg aus und ging zu Fuß über die nächste Brücke, da die Universität auf der anderen Seite des Flusses lag. Gedanken schnellten durch seinen Kopf, über die Tagung, den Vortrag, die Schrift. Hatte er sie wieder in der Tasche verstaut? Um sicher zu gehen, öffnete er sie und ging dabei weiter. Plötzlich prallte er gegen einen Passanten. In hohem Bogen flog der Inhalt der Tasche über die Brüstung. Weiße Seiten mit schwarzen gesch­wungenen Linien segelten in leisen Pirouetten abwärts und in den breiten Strom, wo sie im Dunkeln verschwanden. Für einen Moment trieb sein Instinkt ihn dazu, ihnen nach zu springen. Dann hielt er inne und verstand.

Gartenarbeit

Es gibt Dinge, vor denen ich mich bislang erfolgreich gedrückt habe oder für deren Vollstreckung ich immer als zu unreif erachtet wurde. Eine von diesen Dingen ist die Gartenarbeit. Jahrelang saß ich in meinem stillen Kämmerlein und hörte das heimelnde Tosen des Rasenmähers draußen, sah Hacken und Harken durch die Scheibe, Sähen und Jäten. Nun eröffnete mir das Schicksal jedoch die Möglichkeit zur Habilitation; gar von mir selbst initiiert übernahm ich die Kontrolle über eine der letzten wilden Fluren des Oberbergischen, den Garten meines Vaters.

Heute treibt es mich zum dritten Mal auf die Wiese, die sich in einem sanften Kessel zur linken des Hauses den Hang hoch um ein kleines Bächlein schmiegt. Gleich zuerst stelle ich fest, dass die provisorischen Grashaufen, die ich nach der Erstbesteigung, pardon, nach dem ersten Mähdurchlauf aufgehäuft hatte, doch etwas frühzeitiger wieder hätten abgetragen werden sollen, jetzt hat sich der Schimmel breit gemacht. Die braune Tonne weist zum Glück keinen Inhalt auf, daher rolle ich sie zur Wiese hinauf, ziehe mir Handschuhe an, kehre die Haufen zusammen und werfe sie dann hinein. Als wäre es ein Bestandteil weit höherer Planung gewesen, ist sie am Ende bis zum Rand voll, dementsprechend mürrisch und behäbig trottet sie auch wieder hinter mir her, an ihren Platz unter dem Carport.

In einem der Haufen habe ich auch gleich ein sonderbares Kuriosum entdeckt, eine Blindschleiche nämlich. Diese hier scheint recht jung zu sein, denn sie misst sicher nicht mehr als 15cm Länge. Behutsam nehme ich das artengefährdete Schlangentier [Anm.: es ist trotz ihrer Form eine Echse] zwischen meine behandschuhten Finger und bringe sie dorthin, wo sie nicht in Konfrontation mit den rotierenden Messern des Mähers kommen kann.

Überhaupt, während meiner Stunden auf der Wiese sehe ich die Natur um mich herum in einem anderen Licht als gewöhnlich. Plötzlich liebe ich all das Leben um mich herum; die Blumen, die Bienen, selbst große, langbeinige Spinnen, die daheim an der Wand nach dem Pantoffel schreien, hier mag ich sie gern. Sie gehören ja auch alle hierher, in diese Wiese, und ja, sobald ich die fressende Benzinmaschine auf Touren ziehe fühle ich mich schuldig, erbärmlich schuldig. Wie ein mordender Unhold knattere ich über das intakte Ökosystem, nehme Gänse-, Butterblumen und Löwenzähnen ihre Pracht, fahre über eine Schnecke, deren Innerstes nach außen quillt, störe Bienen bei ihrer Arbeit, indem ich Sträucher schubse und ihre Anlaufstellen wie beschrieben dezimiere. Wozu das alles? Welcher Ästhetik entspricht dieses barbarische Kleintrimmen?

Irgendwie gewöhne ich mich daran, ergebe mich dem kulturellen Zwang, entschuldige mich aber trotzdem alle zwei Meter für meine Schandtaten. Und es geht sehr gemächlich voran. Die Wiese erkämpft sich ihr Recht schnell wieder zurück, noch dazu hat es die letzten Tage geregnet, wenige Quadratmeter fallen meinem Wüten zum Opfer. Der Nachbar, ein älterer Herr, gab mir vorher ein paar nützliche Tipps. „Halve Breite fahn!“, sprach er, „Und schließ die Zünnkächzen aff, wennde da das Gras unnen raustust, wenn’s verstopft is!“. Da habe ich genickt und mich freundlich bedankt, schließlich mag ich meine Hände gern behalten und das nasse, hohe Gras zwingt mich alle paar Schritte dazu, den Motor auszumachen und es herauszuholen, aus dem „Kanal“, wie der Nachbar das nennt.

Schließlich kommt mein Vater und sagt mir, dass wir bald fahren, Mittagessen bei der Großmutter. Puh, dann kann ich das hier vorerst beenden, auch wenn mir mein Gewissen sagt, dass ich gar nicht erst hätte anfangen sollen und mein Verstand, dass ich wohl übermorgen wieder herkommen sollte. So ist denn die Gartenarbeit ein zweischneidiges Schwert, irgendwo zwischen amoralischem Eifer und verpflichtender Kontinuität – nebenbei, für meine Verhältnisse, auch eine recht lukrative Erwerbstätigkeit, aber das nur am Rande, versteht sich.

Die Schilddrüse

Da sitze ich und warte. Gottseidank habe ich die Praxis auf Anhieb gefunden, gut, auf Umwegen, aber nun bin ich hier. Das Wartezimmer ist eher ein Warteflur, ich bin der jüngste, studiere den Focus, weil’s keine bessere Zeitschrift gab, außer diesen Klatschblättern. Eine Weile vergeht, Menschen kommen und gehen, manche benehmen sich nach Routine, ich fühle mich wie immer unwohl.

Vor mir geht eine Tür auf, eine Frau sagt meinen Namen, da verlasse ich meinen Platz und folge ihr. „Nehmen Sie Platz“, der Stuhl hat eine verdächte Armauflage an der linken Seite. „Ich hätte doch nicht nüchtern sein müssen?“, „Nein, das ist O.K. – bitte ballen Sie die Hand zu einer Faust“. Nachdem die Ampulle gefällt ist, werde ich nach draußen geschickt, nach unten, rechts, in ein anderes Wartezimmer. Ich irre herum, wie immer, und schließlich erbarmt sich eine freundliche Arzthelferin, zeigt mir den Weg, die Treppen runter.

Dort sitze ich wieder und warte. Ich bin immer noch der jüngste, diesmal radikal, ich grüße artig und respektvoll. Mangels Alternativen greife ich zu einer Kochzeitschrift. Ich überfliege Namen, rustikale, fremdländische, Bilder, die alle in diesem abgeschmackten Weiß gehalten sind, Gerichte, die wie kunstvolle Stillleben, denn essbare Genüsse, erscheinen. Ein Rentnerpaar verabschiedet sich von Bekannten, in einem Dialekt, der mir kaum bekannt ist, Sauerländer Platt, wat man he opp de Dörfer spricht.

Da geht wieder eine Tür auf, diesmal zur Rechten, mein Name fällt, ich lege die Zeitschrift beiseite und folge. Der Arzt ist klein, schmächtig und freundlich, auch er ist in diesem abgeschmackten Weiß gekleidet, aber das gehört ja zu seiner Zunft, und er soll meinen Appetit auch nicht anregen. Eine weitere Helferin deutet mir, mich hinzulegen; unangenehm ist es mir in der Horizontalen, der Arzt fragt nach meinen Beschwerden. Nachdem ich einige Symptome abgerufen habe, nickt er bedeutungsschwer, er hört das sicher öfter. Jetzt solle ich mir meinen Hals freimachen, den Kragen herunterziehen.

Das Ultraschallgerät drückt auf meinen Kehlkopf, atmen kann ich gut, aber ein Würgereflex will aufkommen, ich unterdrücke ihn, unbehaglich. Ich blicke zur Seite, auf seine Konsole, kleine Schalter, kastenförmiger Monitor, wie ein Oszillator; grün-graue Schemen im Dunkel, das soll ich sein. Kurz bevor ich seine Hand wegstoßen möchte, lässt er locker, ich darf mich aufsetzen, wische das Gel von meinem Hals. „Ihre Schilddrüse weist keine Knoten auf, daher ist keine Operation vonnöten.“, spricht er ruhig, wie von einem Tonband abgespielt, „Die Größe Ihrer Schilddrüse ist im oberen Grenzbereich, ob und wie wir medikamentös verfahren, wird Ihr Hausarzt entscheiden.“, mit einem herzlichen Händedruck werde ich entlassen.

Ich öffne die Tür, gehe nach draußen, schlucke einmal tief. Pillen, für den Rest meiner Tage, aber wenn es mir damit besser geht, ist es mir Recht.

Der Läufer

Der Frühling ist erwacht, einige verbliebene, vereiste Schneereste können dies nicht mehr verdecken. Überall stemmt sich die Saat des Lebens aus der Erde hervor: Schneeglöckchen läuten den Reigen ein, Krokusse folgen, selbst der Pfirsichbaum im Vorgarten knospt. Vögel singen ihre Lieder, sie konnte niemand in Panik bringen, vereinzelt sirren und brummen erste Insekten durch die klare Luft.

Ich verlasse das Haus, steige in mein Auto und fahre hinaus in den Wald, an meine alte Wirkungsstätte. Sobald ich den Wagen abstelle und die Tür hinter mir schließe, schließt sich gleichermaßen die Tür zu meinen Gedanken. Ich beginne zu funktionieren, frage mich nicht mehr wozu und warum, alles gleicht einem zielstrebigen Automatismus. Meine Beine bewegen sich gleichmäßig, ich rolle über die Fersen ab, die ersten paar hundert Meter, unter der Brücke hindurch und dann links in die schmale Straße durch den Wald, die mit dem Schild „Kein Winterdienst“ versehen ist.

Als ich spüre, dass sich meine Muskeln aufgewärmt haben, mache ich Halt und lockere sie. Es folgen Dehnübungen für Ober- und Unterschenkel, Oberkörper und Arme. Im Schatten hinter mir kreuzt ein Radfahrer. Keine Grüße; hier draußen gibt es nur das Selbst. Nun fühle ich mich freier, luftiger, ich setze meinen Lauf fort, rolle vorn ab um mich kräftiger abstoßen zu können. Mein Atem geht gleich, einatmen durch die Nase, doppelt solange ausatmen durch den Mund. Nach einer Weile geht der Zyklus schneller, Speichel sammelt sich in meinem Mund, ich spucke ihn weg; sonst spucke ich nie.

An der kleinen Kuppe angekommen verlangsame ich meinen Lauf wieder und widme mich der Armbewegung. Wie ein Schwimmer paddle ich durch die Luft, den Berg hinab, fast als ob ich ein Blumenkind wär, das die sommerliche Wiese herunter eilt. Der Wald hat seinen Geruch noch nicht zurück, stelle ich fest, noch liegt vieles unter dem langsam zurückweichenden Frost begraben. Die Luft im Schatten ist rein aber kühl, meine Kehle beginnt zu schmerzen.

Unten angekommen wende ich nach einem kleinen Auslauf. Als mein Blick auf den nun vor mir liegenden Anstieg fällt, übermannt mich der Ehrgeiz, ich verlagere meine Haltung erneut, den Oberkörper nach vorn, die Augen stur geradeaus und sprinte los. Jetzt schmerzt es erstmals im Brustkorb, die eisige Luft gleitet die Röhre hinunter in die Lungen, die Beine signalisieren nach wenigen Schritten, dass sie nicht mehr können, doch die stummen neuronalen Schreie ersticken irgendwo auf dem Weg zum Gehirn. Ich will nicht aufgeben, nicht jetzt. Mein Atem geht immer schneller, die Waden werden hart, das Herz pocht, irgendwo hinten im Rachen schmecke ich Säure. Als ich mein Ziel erreicht habe, bin ich längst über die Schwellwerte hinaus und gehe einige Meter, die Hände in den Hüften, das Kreuz durchgestreckt.

Ein Auto passiert mich, ich erhasche einen Blick auf den Fahrer aus dem Augenwinkel; er schaut mich ehrfürchtig an, so, als ob ich gerade einen Marathon hinter mir hätte. Ich gehe noch ein wenig über die Kuppe hinaus und trabe dann weiter, jetzt im Schongang; scheint so, als hätte der Frost auch mich noch nicht gänzlich verlassen.

Die letzten hundert Meter, wieder zurück auf der Hauptstraße sprinte ich noch einmal, ehrgeizig, dem Ziel nahe. Meine Fußsohlen brennen, aber ich grinse; angekommen gehe ich noch ein paar Runden, lockere die Muskeln wieder, um Krämpfen vorzubeugen. Ich steige ins Auto, fahre nachhause, erst als ich das Haus betrete, bin ich wieder der, der es verlassen hat. Nicht ganz. Ein Teil ist erwacht.