Es ist ein schöner Zufall, wenn sich Menschen auf Internetplattformen finden, die in irgendeiner Weise etwas verbindet. Das Musikportal
last.fm erweist sich in dieser Hinsicht immer mehr als gewinnbringend.
Nachdem Dawn aufgefallen war, dass Marillion in Portsmouth spielen, während ich im Land bin, brauchten wir
nur noch eine Möglichkeit, in die gut 100km entfernte Küstenstadt zu gelangen. Warum nicht den Hardcore-Marillion-Fan fragen, der Dawn einst in die Shoutbox schrieb und das Konzert auch offensichtlich bei last.fm
eingetragen hatte? - Dieser Gedanke kam mir plötzlich und besagter Hardcore-Marillo - David - bejahte prompt und überaus freundlich. Juhu!
Einen Hardcore-Marillo erkennt man offensichtlich schon am Auto. Oben rechts auf der Frontscheibe ein großer "marillion.com"-Sticker, an der Seite einer mit Marbles-Logo unter dem das Logo des offiziellen Marillion-Fanclubs "
The Web" prangt - ja, hierbei muss es sich um jemanden handeln, der offensichtlich weit mehr als nur musikalische Liebe für seine Lieblingsband empfindet.
Davids Frau Julie, die am Steuer saß, schien in dieser Angelegenheit nicht minder verrückt und stolz erzählten beide, dass sie erst gestern auf einem Marillion-Konzert in Bristol waren und die Marillen auch nächstes Wochenende in London sehen würden. Die spinnen, die Briten. Aber es ist eine warmherzige, freundliche Spinnerei, schließlich nahmen sie uns so bereitwillig mit und weigerten sich später standhaft, Spritgeld für die Fahrt anzunehmen.
Thank you again, David and Julie!
Das Pyramids Centre in Portsmouth ist direkt am Meer gelegen. Stadt und Strand trennt eine breite Grünfläche, die durch das warme Wetter von Besuchern bedeckt war. Die vielen Grillgesellschaften weckten den Futterinstinkt und so trennten wir uns von den beiden, um nach einem Restaurant zu suchen. Glücklicherweise fanden wir auch eines - während David und Julie in der entgegengesetzten Richtung enttäuscht wurden. In dem kleinen Strandrestaurant mit Blick aufs Meer gab es dann schnelle Kost, wobei sich Dawns Pasta mit Knoblauch-Pesto später als gelinde gesagt unpraktisch erwies.
Bei der Rückkehr zum Konzertgebäude - in 10 Minuten sollte eingelassen werden - wurde ich gleich wieder einer der für mich witzigsten inhärent britischen Angewohnheiten gewahr: Die Bildung einer Warteschlange. Als wir die Stufen hinaufgestiegen waren, sah ich mehrere Leute nebeneinander die Brüstung hinunterblicken. Für mich waren das einfach nur eine lose Menschenmenge in mehr oder minder geordneter Formation. Ich hätte mich sogar fast dazugestellt! - wenn Dawn mir nicht am T-Shirt gezupft und gesagt hätte, dass es sich hierbei ja wohl
eindeutigerweise um eine Warteschlange handelte.
Achselzuckend stiegen wir die Treppen wieder hinab und dann ans Ende der Schlange, die auch schon bald wuchs und wuchs, wie selbstverständlich. Dawn hatte ihr Marillion-Shirt an, somit war sie Teil dieses riesigen Clubs, der sich hier versammelt hatte. Mir kam der Gedanke, dass Marillion irgendwann wohl eine eigene Modekollektion entworfen hatten oder, dass sie den Merchandise-Gedanken einfach übertrieben hatten. Beinahe jeder der geschätzt 500 Menschen in der Schlange hatte ein anderes T-Shirt an, jedes aus verschiedenen Bandphasen, mit verschiedenen Motiven oder Albencovern. Das breite Aufgebot an Mittvierzigern aus stabilem sozialen Umfeld - viele waren mit Kindern angereist - zeigte mir deutlich, was zu erwarten war: ein Meeting der Marillion-Verrückten.
Das machte dann auch einen Teil des Erlebnisses aus. Die Fans wussten, wann sie und welchem Takt sie klatschen mussten, sie sangen wie selbstverständlich alle Texte mit, sie jubelten und feierten so ausgelassen, dass es schwer war, dem Charme zu widerstehen, den diese - vielleicht ansonsten ziemlich langweiligen - Mittelklasse-Typen versprühten.
Zuvor hatte jedoch die "Vorband", eine junge Singer/Songwriterin mit Namen Jo McCafferty, die schwere Aufgabe, den Auftritt der sehnsüchtig erwarteten hinauszuzögern, was sie mit Bravour und jeder Menge stimmlichen Können meisterte. Ihr Material trug sie ausschließlich mit Gitarre und Gesang vor, was trotzdem ziemlich abwechslungsreich war, da sie ein Stück komplett in rumänisch sang und manche Stücke in krummen Takten spielte. Ein gelungener Auftakt.
Marillion spielten dann erst nach langer Wartezeit (knapp 45 Minuten), machten die angesammelte Ärgernis aber schnell wett. Auch wenn ich weite Teile der Setlist nicht kannte, die Spielfreude, das frenetische Publikum, die unglaubliche Atmosphäre, ließen Dawn und mich schnell einfinden in das unbekannte Songmaterial.
Überhaupt, Marillion machen Pärchenmusik. Allein wäre das Konzert nur halb so schön gewesen und ich merke doch, warum ich als Single instinktiv nicht auf Marillion-Konzerte gegangen bin. So erwies sich die Mixtur aus wohligen Popmelodien und geschickt platziertem Bombast in Zusammenhang mit dem Kuschelfaktor als ultimativ.
Die Show war darüber hinaus durch aufwendige Lichteffekte und Gimmicks, wie umherfliegende Riesenluftballons bei "Between You And Me" und ein Konfetti-Regen am Ende der letzten Zugabe aufgepeppt.
Kurzum, es war bewegend. Und trotz der Tatsache, dass Kellys Computeranlage (Windoof war abgeschmiert) bei den Zugaben den Geist aufgab und wir wahrscheinlich deshalb kein Neverland hören konnten, war der Abend absolut erfüllend.