Laminat

Verleimte Schichten, starr und billig,
plattgedrückt mit Overlay aus
Assoziationen von Leben,
tot, kalt und glatt.

War mal aus Holz, war mal aus Faser,
wärmte, schmeichelte, ließ sich anfühlen,
wenn der Fuß über die raue Oberfläche strich.
Kannte auch Verlust, kannte die Jahreszeiten,
lachte, weinte, sog unsere Sorgen auf,
wenn ein Glas herunterfiel oder ein Spielzeug
in den Astlöchern und Fugen verloren ging.

Dieser Boden liegt eben,
was auf ihn fällt,
perlt ab.

Doch da, eine Ritze, ein Makel,
wo der herausragende Nagel eines Stuhles,
durch Imitiertes, Unechtes, Falsches stach
und beim Herumrutschen ein Muster hinterließ,
gefolgt von großem Ärger, vielen im Zorn
gesprochenen Worten, die sich über die Jahre
aufgestaut hatten.

Sollte doch schützen, sollte doch abwenden,
aber kann das Leben nicht unterdrücken
und mit etwas Glück wird über die Ritze
bald ein schöner Teppich gelegt.

Das dunkle Zeitalter

In wenigen Minuten würde er das Haus verlassen, um den Zug in die Stadt zu nehmen. Die Tagung der Geschichtsschreiber über das dunkle Zeitalter hatte er selbst mitorganisiert und er würde auch einen Vortrag halten, der in großem Widerspruch zu den gängigen Theorien seiner Kollegen stand. Nun sammelte er seine Papiere, seinen Text. Genau der war es, nicht seiner, sondern generell, der das dunkle Zeitalter so dunkel gemacht hatte. Nichts wussten die Historiker über diese Periode, weil die Menschen keine schriftlichen Zeugnisse hinterlassen hatten. Warum? Das war der Inhalt der Tagung und sein Vortrag würde, so hoffte er, für mehr Klarheit sorgen können.

Er packte auch seinen Tintenfüller und einen großen Notizblock ein; den kleinen mit Bleistift trug er ohnehin immer bei sich, aber er wollte die anderen Vorträge genau studieren und was er sich notierte, würde einer späteren Buchveröffentlichung zugutekommen. Auch vor dem dunklen Zeital­ter hatte es Bücher oder zumindest eine Buchführung gegeben; so fanden Ausgräber alte Texte, die meist Rechnungen und Rechtsprechungen darstellten. Viel wertvoller waren allerdings die wenigen literarischen Zeugnisse und technischen Handbücher, die durch eifrige Kopisten bis in die neuere Zeit gerettet worden waren, wo sie eine Renaissance ausgelöst hatten, kulturell wie maschinell.

Mit der Ledertasche unter dem Arm ging er zum Bahnhof und wartete dort auf den Zug. Eine alte Lok stand auf den Abstellschienen, rostend in der Sonne, die Gleise von dünnen Gräsern über­wuchert. Es gab genug Funde aus der dunklen Zeit, die für eine Fortführung der bestehenden Kultur sprachen, aber sie sprachen in Worten, welche die Historiker nicht verstanden und deshalb werteten einige von ihnen diese Funde als Irrtümer. Es hätte einen gewaltigen Krieg gegeben, nach dessen Ende keine Herrschaftsstrukturen mehr übriggeblieben wären. Mit der politischen Führung wären daraufhin auch die Kultur und mit ihr die Schriftlichkeit verloren gegangen.

Der Zug erreichte die Plattform, er stieg ein und verstaute die Tasche mit den Papieren sorgfältig im Fach über dem Sitz. Vor der Tagung würde er einen befreundeten Kollegen treffen, der statt der Kriegsthese eine des Friedens vertrat. Demnach hätte es zwar einen Krieg gegeben, doch letztlich auch eine friedliche Einigung, in deren Anschluss die Fortführung der schriftlichen Aufzeichnungen nach und nach unnötig geworden wäre, da sie in der Hauptsache der Aufrechterhaltung der militä­rischen Ordnung gedient hätte. Auch er hatte dieser These anfangs zugestimmt, doch waren ihm in Anbetracht der jüngsten Entdeckungen erhebliche Zweifel gekommen. Diese zeigten einen weiteren technischen Fortschritt zu Beginn des dunklen Zeitalters auf. Wie hätten die Menschen dieser Zeit eine Weiterentwicklung ohne Schrift erreichen können?

Die Silhouette der Stadt zeichnete sich am Horizont ab, bald würde die Zeit kommen, dem Fachpublikum seine Thesen zu präsentieren. Nervös nahm er seine Tasche, holte die Papiere heraus und las sie erneut. Lange hatte er geforscht, um die Ergebnisse der Ausgrabungen mit den früheren und späteren schriftlichen Quellen in Einklang zu bringen. Nicht Krieg, nicht Frieden, sondern der technische Fortschritt hatte das Ende der alten Kultur herbeigeführt. Die Schrift war nicht unbedeu­tend geworden, im Gegenteil, sie war immer wichtiger geworden. So wichtig, dass es nicht mehr genug Papier gegeben hatte, auf denen die Texte vervielfältigt werden konnten. Er hoffte, dass seine Beweisführung stichhaltig genug sein würde, denn auch er hatte keine Antwort darauf, wie die neue Schriftlichkeit dieser Zeit umgesetzt worden war.

Der Zug hielt am großen Bahnhof der Stadt an, er stieg aus und ging zu Fuß über die nächste Brücke, da die Universität auf der anderen Seite des Flusses lag. Gedanken schnellten durch seinen Kopf, über die Tagung, den Vortrag, die Schrift. Hatte er sie wieder in der Tasche verstaut? Um sicher zu gehen, öffnete er sie und ging dabei weiter. Plötzlich prallte er gegen einen Passanten. In hohem Bogen flog der Inhalt der Tasche über die Brüstung. Weiße Seiten mit schwarzen gesch­wungenen Linien segelten in leisen Pirouetten abwärts und in den breiten Strom, wo sie im Dunkeln verschwanden. Für einen Moment trieb sein Instinkt ihn dazu, ihnen nach zu springen. Dann hielt er inne und verstand.