Conan’s Wheel

conanswheel

Es gehört zu den prächtigsten und eindrucksvollsten Bildern des Fantasy-Klassikers „Conan der Barbar„: Das Rad des Schmerzes (en: Wheel of Pain). Kein Wort begleitet den Werdegang Conans vom schmächtigen Kind zum erwachsenen Muskelprotz und es sind auch keine notwendig; von selbst erklären sich die Torturen, die Einsamkeit, die nie endende Bewegung im Kreis. Am Ende blickt Arnold Schwarzenegger mit gewaltigem, konzentriertem Blick nach vorn: Conan ist geboren!

Im (sehr unterhaltsamen) Audiokommentar zu Conan muss Schwarzenegger den Regisseur John Milius noch einmal nachfragen, wofür diese monströse Apparatur in der filmischen Realität denn überhaupt gedacht war. „Um Korn zu mahlen“, behauptet dieser, kann anschließend aber auch nicht begründend darstellen, woher das viele Korn denn gekommen sein mag, blickt man auf die umgebende Hochsteppe. Und auch wenn es einen offensichtlichen Grund für das Rad gegeben haben sollte: Für mich steht fest, es diente allein der Folterung und Stählung dieser Knirpse, von denen letztlich nur einer, Arnie, pardon, Conan, übrigbleibt. Natural selection at its best! Wer die Werke des Conan-Schöpfers Robert E. Howard kennt (und ich empfehle das), der weiß, dass Sozialdarwinismus und Rassentheorien einen guten Teil des Howard’schen Denkens ausgemacht haben (Ansichten, die ich nicht empfehle) – wer soll’s ihm Verübeln, schrieb er doch in den späten 20ern und 30ern, als derlei inhumane Wirrungen noch en vogue waren.

Zurück zum „utrechtpsalterWheel“: Leider verrät der Audiokommentar nicht, welche Inspiration dahinter steckte – da Milius sich nicht dazu äußert, wird es wohl sein berühmter Co-Autor Oliver Stone gewesen sein, der die Idee dazu hatte (wie auch zum eigentlichen Skript an sich). Ich habe also ein wenig recherchiert und herausgefunden, dass es durchaus Vorlagen für diese Pein gibt. Der sog. Utrecht-Psalter, ein mittelalterliches Manuskript, in dem biblische Psalmen illustriert wiedergegeben sind, zeigt zu Psalm 12 ein ähnliches Motiv (s. links). Die dazugehörigen lateinischen Zeilen werden in meiner Bibel mit Einheitsübersetzung folgendermaßen übersetzt:

[8] Du, Herr, wirst uns behüten / und uns vor diesen Leuten für immer erretten,
[9] auch wenn die Frevler frei umhergehen / und unter den Menschen die Gemeinheit groß wird.

Es wird schwer, hier eine angemessene Interpretation anzuwenden, daher bemühe ich eine zweite Übersetzung (diesmal aus dem Hebräischen) von Emil Kautzsch:

[8] Du, Jahwe, wirst uns behüten, / wirst uns ewiglich bewahren vor diesem Geschlecht!
[9] Ringsum wandeln die Gottlosen, / wenn Gemeinheit unter den Menschenkindern obenauf kommt.

Hier wird deutlicher, was die Illustratoren des Utrecht-Psalters dazu bewogen hat, die „Gemeinheit der Menschen“ in dieser Art darzustellen: „in circuitu impii ambulant“ – Im Kreise wandeln die Bösen! Und dass sie dies an einem Drehkreuz machen, das keinem offensichtlichen Zweck dient, weist für mich die Parallele zu Conan’s Wheel auf. Mit dem gravierenden Unterschied, dass hier die unnütze Arbeit den Schlechten zugestanden wird, während im Film das Erstarken von Conan an der unnützen Arbeit ja geradezu positiv konnotiert wird: Erst durch die Marter und Qualen kann der determinierte Geist Conans reifen – mit jeder Jahreszeit, jedem Jahr reift der primitive Durchsetzungswille, der Conan später in der feindlichen Welt zum Erfolg bringen wird.

Dieser zynische Beigeschmack deutet für mich auf Oliver Stones Schaffen in diesem Film hin: Steckt da nicht ein Funken Gesellschaftskritik in diesem Rad? Milius selbst behauptet im Audiokommentar, dass jeder von uns an diesem Rad drehen müsse, jeder müsse drehen und drehen, bis er dieser Welt die Zähne zeigen könne. Zur Entstehungszeit des Films, im Amerika der frühen 80er, breiten sich die Strömungen des Neo-Liberalismus und des Neo-Konservatismus aus. Stone, dessen idealistische Ansichten man heute mit dem nicht minder zynischen Begriffs der „Sozialromantik“ beschreiben würde, kritisiert diese Bewegungen seit je her. besonders augenscheinlich natürlich in seinem 1987er Streifen Wall Street. Das Rad des Schmerzes als Knechtigung des modernen Menschen durch das kapitalistische Joch?

Es gibt aber eben auch eine positive Deutungsmöglichkeit: Trotz aller widriger Umstände bildet Conan eine stoische Gelassenheit aus, mit der er sein Rad vorantreibt. Die äußeren Einflüsse, selbst Schnee und Eis, scheinen ihn nur minimal zu beeinflussen. Auch ist das Rad nicht der letzte Faktor in der Wesensbildung Conans: Später, als Gladiator, erlernt er seine Tödlichkeit und Konfliktfreude, mit seinen Gefährten schließlich die Menschlichkeit und überwindet zu guter Letzt durch den Tod von Thulsa Doom die Geister seiner Vergangenheit. Das Rad bildet dabei den ersten Punkt in der Entstehung eines Charakters der mehr als nur „larger than life“ erscheint!

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