Anarchistische Annäherungen

kommounes pantoi (c) Alexander Gogos

„kommounes pantou“ – Photo von Alexander Gogos

Er wirkt ein wenig wie das schwarze Entlein der politischen Bewegungen des 19. Jahrhunderts. Sozialismus, Liberalismus, Konservatismus – sie alle haben sich halten können, sind etabliert und werden kaum noch hinterfragt. Der Anarchismus dagegen wird verkannt, veralbert und auf das jugendlich naive Streben einiger Subkulturen reduziert. Den Urhebern des theoretischen Anarchismus lag sicher wenig an dem, was wir heute landläufig damit verbinden. Denn Anarchie sollte alles andere als den Wegfall von Werten und Moral bedeuten – sie sollten vielmehr den Menschen ohne aufoktroyierte Gesetze von oben aus der Notwendigkeit des Miteinanders heraus verbindlich sein. Das wiederum klingt naiv? Für Zyniker bestimmt. An dieser Stelle möchte ich davon berichten, warum ich das politiktheoretische Stiefkind überhaupt ausgegraben habe und warum ich denke, dass es sich durchaus lohnt, einige anarchistische Gedanken wiederaufleben zu lassen.

Sich fügen heißt lügen

Am Anfang steht die Beschäftigung mit einem bemerkenswerten Schriftsteller. Die ZEIT-Ausgabe Nr. 47 vom November 2009 kam mit einer Sonderbeilage in den Briefkasten: „Vordenker, Vorbilder, Visionäre. 50 Deutsche von gestern für die Welt von morgen“. Die Bilder auf der Titelseite machten mich stutzig, weil neben Altbekannten (Luther, Einstein) auch Unerwartete (Stan Libuda, Hans-Joachim Kulenkampff) und auch (zumindest mir) Unbekannte zu sehen waren. Einer dieser Unbekannten war ein bärtiger Unhold namens Erich Mühsam und er weckte auch gleich, nicht nur aufgrund seines Aussehens, mein Interesse:

Geboren 1878 in Berlin, lebte er die ersten Jahre in Lübeck und zog später durch halb Europa, ohne Arbeit, ohne Geld, half sich mit Gelegenheitsschreiberei aus. Doch dieser scheinbar flatterhafte Lebemann und Bohemien hatte es faustdick hinter den Ohren: Kommunistischer Anarchismus, das war seine Leidenschaft; das Ende des Kapitalismus sehnte er herbei, aber nicht durch gewaltsame Revolution wie andere Kommunisten, schon gar nicht durch Etablierung einer Partei, was ja doch nur einen Wechsel der Herrschaft bedeuten und in der gleichen Tyrannei enden würde. Nein, Mühsam träumte von der friedlichen Revolution und der moralischen Wende. Einen Traum, den er seit den Anfängen des 20. Jahrhunderts auch, wo es sich ihm anbot, publizierte, teils in Essays, teils in Gedichten. Mühsam war so überzeugt von seinen Ideen, dass ihn auch Haft und Folter während des 1. Weltkrieges (den er selbstverständlich verurteilte) nicht ruhigstellen konnten. Im Gefängnis schrieb er die Zeilen:

Ich hab’s mein Lebtag nicht gelernt,
mich fremdem Zwang zu fügen.
Jetzt haben sie mich einkasernt,
von Heim und Weib und Werk entfernt.
Doch ob sie mich erschlügen:
Sich fügen heißt lügen! […]
(Erich Mühsam, Der Gefangene)

Diese Zeilen blieben auch nach dem 1. Weltkrieg für Mühsam programmatisch. Nachdem er versucht hatte, mit seinem Freund und Idol Gustav Landauer die Räterepubliken in Bayern aufzubauen, befand er sich nach erneuter Inhaftierung (diesmal durch die Sozialdemokraten) schnell wieder in der Opposition – und die wurde spätestens ab ’33 höchst gefährlich. Mühsam wurde von den Nazis schon kurz nach der Machtübertragung an Hitler im KZ Oranienburg inhaftiert, wo er nach Demütigungen und Folterungen ein Jahr später ermordet wurde.

Mühsam, Landauer, Kropotkin

Gefügt hatte sich Mühsam jedoch auch den Nazis nicht und dies fand ich beeindruckend. Ein paar Tage später trudelte dann auch schon der Reclam-Band über Mühsams Dichtungen und Essays ins Haus, den ich aufmerksam und mit wachsender Begeisterung las. Mühsam wird in Lyriker-Kreisen kaum beachtet, weil er formal eher simpel schrieb und sich nicht dem Zeitgeist anbiederte. Dabei steckt so viel sprachlich Trickreiches und Eigenes in seinem Werk! Auch in seinen Essays konnte ich viel Vernunft entdecken, sodass ich gleich hin und weg war.

Über Mühsam hinaus waren dann Gustav Landauer und dessen Vordenker Peter Kropotkin auf dem Programm. Und nur Referate und Hausarbeiten verhinderten bislang eine tiefgründigere Auseinandersetzung. Zumindest habe ich ein wenig über das Wesen dessen verstehen können, woran Mühsam mit unerschütterlichem Willen glaubte: Bei dem Anarchismus geht es um Gleichheit und Gleichberechtigung, Mensch und Menschlichkeit, Individuum und Gemeinschaft. Klingt gut? Aber?

APPD vs. Kibbuz

Hier möchte ich nur noch auf die heutige Situation zu sprechen kommen. Es ist ja nicht so, dass der Anarchismus tot wäre. Nur, wie der Jazz, riecht er in unseren Nasen ein bisschen komisch. Das liegt zunächst, wie in der Einleitung angedeutet, an unserem falschen Verständnis von Anarchie, die wir mit Anomie, das heißt: einem Wegfall von Moral und gemeinschaftlichen Werten, gleichsetzen – und der Anarchismus, so denken wir, müsste diesen schlimmen Zustand wohl herbeiführen wollen. Möchtegernwitzige Spaßparteien wie die APPD, die „Anarchistische Pogo-Partei Deutschlands„, nähren diese Vorstellung, genauso wie vermummte Antifa-Aktivisten, die gern im Zeichen des Anarchismus mit Steinen um sich werfen. Beides kann im Sinne von Mühsam, Landauer und Kropotkin nicht als anarchistisch gelten. Ist der Anarchismus deshalb tot?

Nein! Und die Antwort gab mir ein weiterer Artikel in der ZEIT, diesmal vom 3. Dezember 2009. Dort, auf der letzten Seite, prangte der Titel „Mit Marx in die Wüste“. Erzählt wurde der Lebenslauf der jüdischen Kibbuzbewegung, die im Zuge des Zionismus um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert stattfand. Vom Prinzip des Kibbuz hatte ich gehört, aber mir war neu, dass es heutzutage noch autarke Kommunen in Israel gibt, die nur gemeinschaftlichen Besitz kennen und nicht für den Gewinn, sondern für das Gemeinwohl wirtschaften. Allein dieses Beispiel zeigt, dass anarchistische Bewegungen, wenn auch in sehr kleinen Rahmen, durchaus Erfolg haben konnten und dass uns vielleicht die ein oder andere anarchistische Idee heute ganz gut tun würde.

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