Gartenarbeit

Es gibt Dinge, vor denen ich mich bislang erfolgreich gedrückt habe oder für deren Vollstreckung ich immer als zu unreif erachtet wurde. Eine von diesen Dingen ist die Gartenarbeit. Jahrelang saß ich in meinem stillen Kämmerlein und hörte das heimelnde Tosen des Rasenmähers draußen, sah Hacken und Harken durch die Scheibe, Sähen und Jäten. Nun eröffnete mir das Schicksal jedoch die Möglichkeit zur Habilitation; gar von mir selbst initiiert übernahm ich die Kontrolle über eine der letzten wilden Fluren des Oberbergischen, den Garten meines Vaters.

Heute treibt es mich zum dritten Mal auf die Wiese, die sich in einem sanften Kessel zur linken des Hauses den Hang hoch um ein kleines Bächlein schmiegt. Gleich zuerst stelle ich fest, dass die provisorischen Grashaufen, die ich nach der Erstbesteigung, pardon, nach dem ersten Mähdurchlauf aufgehäuft hatte, doch etwas frühzeitiger wieder hätten abgetragen werden sollen, jetzt hat sich der Schimmel breit gemacht. Die braune Tonne weist zum Glück keinen Inhalt auf, daher rolle ich sie zur Wiese hinauf, ziehe mir Handschuhe an, kehre die Haufen zusammen und werfe sie dann hinein. Als wäre es ein Bestandteil weit höherer Planung gewesen, ist sie am Ende bis zum Rand voll, dementsprechend mürrisch und behäbig trottet sie auch wieder hinter mir her, an ihren Platz unter dem Carport.

In einem der Haufen habe ich auch gleich ein sonderbares Kuriosum entdeckt, eine Blindschleiche nämlich. Diese hier scheint recht jung zu sein, denn sie misst sicher nicht mehr als 15cm Länge. Behutsam nehme ich das artengefährdete Schlangentier [Anm.: es ist trotz ihrer Form eine Echse] zwischen meine behandschuhten Finger und bringe sie dorthin, wo sie nicht in Konfrontation mit den rotierenden Messern des Mähers kommen kann.

Überhaupt, während meiner Stunden auf der Wiese sehe ich die Natur um mich herum in einem anderen Licht als gewöhnlich. Plötzlich liebe ich all das Leben um mich herum; die Blumen, die Bienen, selbst große, langbeinige Spinnen, die daheim an der Wand nach dem Pantoffel schreien, hier mag ich sie gern. Sie gehören ja auch alle hierher, in diese Wiese, und ja, sobald ich die fressende Benzinmaschine auf Touren ziehe fühle ich mich schuldig, erbärmlich schuldig. Wie ein mordender Unhold knattere ich über das intakte Ökosystem, nehme Gänse-, Butterblumen und Löwenzähnen ihre Pracht, fahre über eine Schnecke, deren Innerstes nach außen quillt, störe Bienen bei ihrer Arbeit, indem ich Sträucher schubse und ihre Anlaufstellen wie beschrieben dezimiere. Wozu das alles? Welcher Ästhetik entspricht dieses barbarische Kleintrimmen?

Irgendwie gewöhne ich mich daran, ergebe mich dem kulturellen Zwang, entschuldige mich aber trotzdem alle zwei Meter für meine Schandtaten. Und es geht sehr gemächlich voran. Die Wiese erkämpft sich ihr Recht schnell wieder zurück, noch dazu hat es die letzten Tage geregnet, wenige Quadratmeter fallen meinem Wüten zum Opfer. Der Nachbar, ein älterer Herr, gab mir vorher ein paar nützliche Tipps. „Halve Breite fahn!“, sprach er, „Und schließ die Zünnkächzen aff, wennde da das Gras unnen raustust, wenn’s verstopft is!“. Da habe ich genickt und mich freundlich bedankt, schließlich mag ich meine Hände gern behalten und das nasse, hohe Gras zwingt mich alle paar Schritte dazu, den Motor auszumachen und es herauszuholen, aus dem „Kanal“, wie der Nachbar das nennt.

Schließlich kommt mein Vater und sagt mir, dass wir bald fahren, Mittagessen bei der Großmutter. Puh, dann kann ich das hier vorerst beenden, auch wenn mir mein Gewissen sagt, dass ich gar nicht erst hätte anfangen sollen und mein Verstand, dass ich wohl übermorgen wieder herkommen sollte. So ist denn die Gartenarbeit ein zweischneidiges Schwert, irgendwo zwischen amoralischem Eifer und verpflichtender Kontinuität – nebenbei, für meine Verhältnisse, auch eine recht lukrative Erwerbstätigkeit, aber das nur am Rande, versteht sich.