Die Schilddrüse

Da sitze ich und warte. Gottseidank habe ich die Praxis auf Anhieb gefunden, gut, auf Umwegen, aber nun bin ich hier. Das Wartezimmer ist eher ein Warteflur, ich bin der jüngste, studiere den Focus, weil’s keine bessere Zeitschrift gab, außer diesen Klatschblättern. Eine Weile vergeht, Menschen kommen und gehen, manche benehmen sich nach Routine, ich fühle mich wie immer unwohl.

Vor mir geht eine Tür auf, eine Frau sagt meinen Namen, da verlasse ich meinen Platz und folge ihr. „Nehmen Sie Platz“, der Stuhl hat eine verdächte Armauflage an der linken Seite. „Ich hätte doch nicht nüchtern sein müssen?“, „Nein, das ist O.K. – bitte ballen Sie die Hand zu einer Faust“. Nachdem die Ampulle gefällt ist, werde ich nach draußen geschickt, nach unten, rechts, in ein anderes Wartezimmer. Ich irre herum, wie immer, und schließlich erbarmt sich eine freundliche Arzthelferin, zeigt mir den Weg, die Treppen runter.

Dort sitze ich wieder und warte. Ich bin immer noch der jüngste, diesmal radikal, ich grüße artig und respektvoll. Mangels Alternativen greife ich zu einer Kochzeitschrift. Ich überfliege Namen, rustikale, fremdländische, Bilder, die alle in diesem abgeschmackten Weiß gehalten sind, Gerichte, die wie kunstvolle Stillleben, denn essbare Genüsse, erscheinen. Ein Rentnerpaar verabschiedet sich von Bekannten, in einem Dialekt, der mir kaum bekannt ist, Sauerländer Platt, wat man he opp de Dörfer spricht.

Da geht wieder eine Tür auf, diesmal zur Rechten, mein Name fällt, ich lege die Zeitschrift beiseite und folge. Der Arzt ist klein, schmächtig und freundlich, auch er ist in diesem abgeschmackten Weiß gekleidet, aber das gehört ja zu seiner Zunft, und er soll meinen Appetit auch nicht anregen. Eine weitere Helferin deutet mir, mich hinzulegen; unangenehm ist es mir in der Horizontalen, der Arzt fragt nach meinen Beschwerden. Nachdem ich einige Symptome abgerufen habe, nickt er bedeutungsschwer, er hört das sicher öfter. Jetzt solle ich mir meinen Hals freimachen, den Kragen herunterziehen.

Das Ultraschallgerät drückt auf meinen Kehlkopf, atmen kann ich gut, aber ein Würgereflex will aufkommen, ich unterdrücke ihn, unbehaglich. Ich blicke zur Seite, auf seine Konsole, kleine Schalter, kastenförmiger Monitor, wie ein Oszillator; grün-graue Schemen im Dunkel, das soll ich sein. Kurz bevor ich seine Hand wegstoßen möchte, lässt er locker, ich darf mich aufsetzen, wische das Gel von meinem Hals. „Ihre Schilddrüse weist keine Knoten auf, daher ist keine Operation vonnöten.“, spricht er ruhig, wie von einem Tonband abgespielt, „Die Größe Ihrer Schilddrüse ist im oberen Grenzbereich, ob und wie wir medikamentös verfahren, wird Ihr Hausarzt entscheiden.“, mit einem herzlichen Händedruck werde ich entlassen.

Ich öffne die Tür, gehe nach draußen, schlucke einmal tief. Pillen, für den Rest meiner Tage, aber wenn es mir damit besser geht, ist es mir Recht.

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