Der Läufer

Der Frühling ist erwacht, einige verbliebene, vereiste Schneereste können dies nicht mehr verdecken. Überall stemmt sich die Saat des Lebens aus der Erde hervor: Schneeglöckchen läuten den Reigen ein, Krokusse folgen, selbst der Pfirsichbaum im Vorgarten knospt. Vögel singen ihre Lieder, sie konnte niemand in Panik bringen, vereinzelt sirren und brummen erste Insekten durch die klare Luft.

Ich verlasse das Haus, steige in mein Auto und fahre hinaus in den Wald, an meine alte Wirkungsstätte. Sobald ich den Wagen abstelle und die Tür hinter mir schließe, schließt sich gleichermaßen die Tür zu meinen Gedanken. Ich beginne zu funktionieren, frage mich nicht mehr wozu und warum, alles gleicht einem zielstrebigen Automatismus. Meine Beine bewegen sich gleichmäßig, ich rolle über die Fersen ab, die ersten paar hundert Meter, unter der Brücke hindurch und dann links in die schmale Straße durch den Wald, die mit dem Schild „Kein Winterdienst“ versehen ist.

Als ich spüre, dass sich meine Muskeln aufgewärmt haben, mache ich Halt und lockere sie. Es folgen Dehnübungen für Ober- und Unterschenkel, Oberkörper und Arme. Im Schatten hinter mir kreuzt ein Radfahrer. Keine Grüße; hier draußen gibt es nur das Selbst. Nun fühle ich mich freier, luftiger, ich setze meinen Lauf fort, rolle vorn ab um mich kräftiger abstoßen zu können. Mein Atem geht gleich, einatmen durch die Nase, doppelt solange ausatmen durch den Mund. Nach einer Weile geht der Zyklus schneller, Speichel sammelt sich in meinem Mund, ich spucke ihn weg; sonst spucke ich nie.

An der kleinen Kuppe angekommen verlangsame ich meinen Lauf wieder und widme mich der Armbewegung. Wie ein Schwimmer paddle ich durch die Luft, den Berg hinab, fast als ob ich ein Blumenkind wär, das die sommerliche Wiese herunter eilt. Der Wald hat seinen Geruch noch nicht zurück, stelle ich fest, noch liegt vieles unter dem langsam zurückweichenden Frost begraben. Die Luft im Schatten ist rein aber kühl, meine Kehle beginnt zu schmerzen.

Unten angekommen wende ich nach einem kleinen Auslauf. Als mein Blick auf den nun vor mir liegenden Anstieg fällt, übermannt mich der Ehrgeiz, ich verlagere meine Haltung erneut, den Oberkörper nach vorn, die Augen stur geradeaus und sprinte los. Jetzt schmerzt es erstmals im Brustkorb, die eisige Luft gleitet die Röhre hinunter in die Lungen, die Beine signalisieren nach wenigen Schritten, dass sie nicht mehr können, doch die stummen neuronalen Schreie ersticken irgendwo auf dem Weg zum Gehirn. Ich will nicht aufgeben, nicht jetzt. Mein Atem geht immer schneller, die Waden werden hart, das Herz pocht, irgendwo hinten im Rachen schmecke ich Säure. Als ich mein Ziel erreicht habe, bin ich längst über die Schwellwerte hinaus und gehe einige Meter, die Hände in den Hüften, das Kreuz durchgestreckt.

Ein Auto passiert mich, ich erhasche einen Blick auf den Fahrer aus dem Augenwinkel; er schaut mich ehrfürchtig an, so, als ob ich gerade einen Marathon hinter mir hätte. Ich gehe noch ein wenig über die Kuppe hinaus und trabe dann weiter, jetzt im Schongang; scheint so, als hätte der Frost auch mich noch nicht gänzlich verlassen.

Die letzten hundert Meter, wieder zurück auf der Hauptstraße sprinte ich noch einmal, ehrgeizig, dem Ziel nahe. Meine Fußsohlen brennen, aber ich grinse; angekommen gehe ich noch ein paar Runden, lockere die Muskeln wieder, um Krämpfen vorzubeugen. Ich steige ins Auto, fahre nachhause, erst als ich das Haus betrete, bin ich wieder der, der es verlassen hat. Nicht ganz. Ein Teil ist erwacht.

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