Am Strand

Ich schließe die Augen; hinter meinen Lidern verschmilzen Sonnenstrahlen und Wind zu warmen Wellen aus Orange und Gelb, die vom sanft rauschenden Meer vor meinen Füßen begleitet werden. Es erfüllt mich mit Frieden, ich strecke meine Arme aus, schwebe auf rund gewaschenen Kieseln und lasse mich von diesem Moment davontragen.

Unter die strahlende Flut von Sonnenwellen mischt sich ein Ton, ganz tief, ein wohliger Bass. er kommt von draußen, ruft nach mir, doch ich bleibe hier liegen und warte, bis die Wogen aus Licht ihn zu mir getragen haben.

Jetzt ist er hier, ganz nah, ich kann ihn spüren, um mich, dann in mir, dieses tief tönende Blau aus dem Ozean, wie es aus einer riesengroßen Muschel in mich flutet und aus den hellen Farbverläufern vor meinen Augen ein tropisches Grün formt, so reich und natürlich, dass ich lange und tief einatme, um es voll und ganz in mich aufzunehmen. Es hält mich nichts mehr, ich lasse mich von Wäldern, Meer, Sonne und Wind davontragen, in die Vollkommenheit.

(Skizze aus dem Sommer 2007)

Laminat

Verleimte Schichten, starr und billig,
plattgedrückt mit Overlay aus
Assoziationen von Leben,
tot, kalt und glatt.

War mal aus Holz, war mal aus Faser,
wärmte, schmeichelte, ließ sich anfühlen,
wenn der Fuß über die raue Oberfläche strich.
Kannte auch Verlust, kannte die Jahreszeiten,
lachte, weinte, sog unsere Sorgen auf,
wenn ein Glas herunterfiel oder ein Spielzeug
in den Astlöchern und Fugen verloren ging.

Dieser Boden liegt eben,
was auf ihn fällt,
perlt ab.

Doch da, eine Ritze, ein Makel,
wo der herausragende Nagel eines Stuhles,
durch Imitiertes, Unechtes, Falsches stach
und beim Herumrutschen ein Muster hinterließ,
gefolgt von großem Ärger, vielen im Zorn
gesprochenen Worten, die sich über die Jahre
aufgestaut hatten.

Sollte doch schützen, sollte doch abwenden,
aber kann das Leben nicht unterdrücken
und mit etwas Glück wird über die Ritze
bald ein schöner Teppich gelegt.

Das dunkle Zeitalter

In wenigen Minuten würde er das Haus verlassen, um den Zug in die Stadt zu nehmen. Die Tagung der Geschichtsschreiber über das dunkle Zeitalter hatte er selbst mitorganisiert und er würde auch einen Vortrag halten, der in großem Widerspruch zu den gängigen Theorien seiner Kollegen stand. Nun sammelte er seine Papiere, seinen Text. Genau der war es, nicht seiner, sondern generell, der das dunkle Zeitalter so dunkel gemacht hatte. Nichts wussten die Historiker über diese Periode, weil die Menschen keine schriftlichen Zeugnisse hinterlassen hatten. Warum? Das war der Inhalt der Tagung und sein Vortrag würde, so hoffte er, für mehr Klarheit sorgen können.

Er packte auch seinen Tintenfüller und einen großen Notizblock ein; den kleinen mit Bleistift trug er ohnehin immer bei sich, aber er wollte die anderen Vorträge genau studieren und was er sich notierte, würde einer späteren Buchveröffentlichung zugutekommen. Auch vor dem dunklen Zeital­ter hatte es Bücher oder zumindest eine Buchführung gegeben; so fanden Ausgräber alte Texte, die meist Rechnungen und Rechtsprechungen darstellten. Viel wertvoller waren allerdings die wenigen literarischen Zeugnisse und technischen Handbücher, die durch eifrige Kopisten bis in die neuere Zeit gerettet worden waren, wo sie eine Renaissance ausgelöst hatten, kulturell wie maschinell.

Mit der Ledertasche unter dem Arm ging er zum Bahnhof und wartete dort auf den Zug. Eine alte Lok stand auf den Abstellschienen, rostend in der Sonne, die Gleise von dünnen Gräsern über­wuchert. Es gab genug Funde aus der dunklen Zeit, die für eine Fortführung der bestehenden Kultur sprachen, aber sie sprachen in Worten, welche die Historiker nicht verstanden und deshalb werteten einige von ihnen diese Funde als Irrtümer. Es hätte einen gewaltigen Krieg gegeben, nach dessen Ende keine Herrschaftsstrukturen mehr übriggeblieben wären. Mit der politischen Führung wären daraufhin auch die Kultur und mit ihr die Schriftlichkeit verloren gegangen.

Der Zug erreichte die Plattform, er stieg ein und verstaute die Tasche mit den Papieren sorgfältig im Fach über dem Sitz. Vor der Tagung würde er einen befreundeten Kollegen treffen, der statt der Kriegsthese eine des Friedens vertrat. Demnach hätte es zwar einen Krieg gegeben, doch letztlich auch eine friedliche Einigung, in deren Anschluss die Fortführung der schriftlichen Aufzeichnungen nach und nach unnötig geworden wäre, da sie in der Hauptsache der Aufrechterhaltung der militä­rischen Ordnung gedient hätte. Auch er hatte dieser These anfangs zugestimmt, doch waren ihm in Anbetracht der jüngsten Entdeckungen erhebliche Zweifel gekommen. Diese zeigten einen weiteren technischen Fortschritt zu Beginn des dunklen Zeitalters auf. Wie hätten die Menschen dieser Zeit eine Weiterentwicklung ohne Schrift erreichen können?

Die Silhouette der Stadt zeichnete sich am Horizont ab, bald würde die Zeit kommen, dem Fachpublikum seine Thesen zu präsentieren. Nervös nahm er seine Tasche, holte die Papiere heraus und las sie erneut. Lange hatte er geforscht, um die Ergebnisse der Ausgrabungen mit den früheren und späteren schriftlichen Quellen in Einklang zu bringen. Nicht Krieg, nicht Frieden, sondern der technische Fortschritt hatte das Ende der alten Kultur herbeigeführt. Die Schrift war nicht unbedeu­tend geworden, im Gegenteil, sie war immer wichtiger geworden. So wichtig, dass es nicht mehr genug Papier gegeben hatte, auf denen die Texte vervielfältigt werden konnten. Er hoffte, dass seine Beweisführung stichhaltig genug sein würde, denn auch er hatte keine Antwort darauf, wie die neue Schriftlichkeit dieser Zeit umgesetzt worden war.

Der Zug hielt am großen Bahnhof der Stadt an, er stieg aus und ging zu Fuß über die nächste Brücke, da die Universität auf der anderen Seite des Flusses lag. Gedanken schnellten durch seinen Kopf, über die Tagung, den Vortrag, die Schrift. Hatte er sie wieder in der Tasche verstaut? Um sicher zu gehen, öffnete er sie und ging dabei weiter. Plötzlich prallte er gegen einen Passanten. In hohem Bogen flog der Inhalt der Tasche über die Brüstung. Weiße Seiten mit schwarzen gesch­wungenen Linien segelten in leisen Pirouetten abwärts und in den breiten Strom, wo sie im Dunkeln verschwanden. Für einen Moment trieb sein Instinkt ihn dazu, ihnen nach zu springen. Dann hielt er inne und verstand.

Quantenzustand

Die letzte Liebe liegt begraben,
die Musen flogen flüsternd fort
von diesem Düsterlicht und gaben
wohl anderem der Treue Wort.

Einsam ist, was bleibt, beständig
und ständig geht der Blick zurück,
der Wille zu bergen, eigenhändig
aus kalten Särgen, ohne Glück.

Wieder und wider das Nachtgrauen,
Lider geschlossen und Lieder im Ohr.
Eine ganze Welt erdacht, Frauen
kamen darin nur am Rande vor.

Jetzt die Stille, stillt sie dich?
Sprache ist Atem, der in die Feder haucht.
Worte sind bewegte Luft und wirklich,
was dein Mann zum Leben braucht.

Conan’s Wheel

conanswheel

Es gehört zu den prächtigsten und eindrucksvollsten Bildern des Fantasy-Klassikers „Conan der Barbar„: Das Rad des Schmerzes (en: Wheel of Pain). Kein Wort begleitet den Werdegang Conans vom schmächtigen Kind zum erwachsenen Muskelprotz und es sind auch keine notwendig; von selbst erklären sich die Torturen, die Einsamkeit, die nie endende Bewegung im Kreis. Am Ende blickt Arnold Schwarzenegger mit gewaltigem, konzentriertem Blick nach vorn: Conan ist geboren!

Im (sehr unterhaltsamen) Audiokommentar zu Conan muss Schwarzenegger den Regisseur John Milius noch einmal nachfragen, wofür diese monströse Apparatur in der filmischen Realität denn überhaupt gedacht war. „Um Korn zu mahlen“, behauptet dieser, kann anschließend aber auch nicht begründend darstellen, woher das viele Korn denn gekommen sein mag, blickt man auf die umgebende Hochsteppe. Und auch wenn es einen offensichtlichen Grund für das Rad gegeben haben sollte: Für mich steht fest, es diente allein der Folterung und Stählung dieser Knirpse, von denen letztlich nur einer, Arnie, pardon, Conan, übrigbleibt. Natural selection at its best! Wer die Werke des Conan-Schöpfers Robert E. Howard kennt (und ich empfehle das), der weiß, dass Sozialdarwinismus und Rassentheorien einen guten Teil des Howard’schen Denkens ausgemacht haben (Ansichten, die ich nicht empfehle) – wer soll’s ihm Verübeln, schrieb er doch in den späten 20ern und 30ern, als derlei inhumane Wirrungen noch en vogue waren.

Zurück zum „utrechtpsalterWheel“: Leider verrät der Audiokommentar nicht, welche Inspiration dahinter steckte – da Milius sich nicht dazu äußert, wird es wohl sein berühmter Co-Autor Oliver Stone gewesen sein, der die Idee dazu hatte (wie auch zum eigentlichen Skript an sich). Ich habe also ein wenig recherchiert und herausgefunden, dass es durchaus Vorlagen für diese Pein gibt. Der sog. Utrecht-Psalter, ein mittelalterliches Manuskript, in dem biblische Psalmen illustriert wiedergegeben sind, zeigt zu Psalm 12 ein ähnliches Motiv (s. links). Die dazugehörigen lateinischen Zeilen werden in meiner Bibel mit Einheitsübersetzung folgendermaßen übersetzt:

[8] Du, Herr, wirst uns behüten / und uns vor diesen Leuten für immer erretten,
[9] auch wenn die Frevler frei umhergehen / und unter den Menschen die Gemeinheit groß wird.

Es wird schwer, hier eine angemessene Interpretation anzuwenden, daher bemühe ich eine zweite Übersetzung (diesmal aus dem Hebräischen) von Emil Kautzsch:

[8] Du, Jahwe, wirst uns behüten, / wirst uns ewiglich bewahren vor diesem Geschlecht!
[9] Ringsum wandeln die Gottlosen, / wenn Gemeinheit unter den Menschenkindern obenauf kommt.

Hier wird deutlicher, was die Illustratoren des Utrecht-Psalters dazu bewogen hat, die „Gemeinheit der Menschen“ in dieser Art darzustellen: „in circuitu impii ambulant“ – Im Kreise wandeln die Bösen! Und dass sie dies an einem Drehkreuz machen, das keinem offensichtlichen Zweck dient, weist für mich die Parallele zu Conan’s Wheel auf. Mit dem gravierenden Unterschied, dass hier die unnütze Arbeit den Schlechten zugestanden wird, während im Film das Erstarken von Conan an der unnützen Arbeit ja geradezu positiv konnotiert wird: Erst durch die Marter und Qualen kann der determinierte Geist Conans reifen – mit jeder Jahreszeit, jedem Jahr reift der primitive Durchsetzungswille, der Conan später in der feindlichen Welt zum Erfolg bringen wird.

Dieser zynische Beigeschmack deutet für mich auf Oliver Stones Schaffen in diesem Film hin: Steckt da nicht ein Funken Gesellschaftskritik in diesem Rad? Milius selbst behauptet im Audiokommentar, dass jeder von uns an diesem Rad drehen müsse, jeder müsse drehen und drehen, bis er dieser Welt die Zähne zeigen könne. Zur Entstehungszeit des Films, im Amerika der frühen 80er, breiten sich die Strömungen des Neo-Liberalismus und des Neo-Konservatismus aus. Stone, dessen idealistische Ansichten man heute mit dem nicht minder zynischen Begriffs der „Sozialromantik“ beschreiben würde, kritisiert diese Bewegungen seit je her. besonders augenscheinlich natürlich in seinem 1987er Streifen Wall Street. Das Rad des Schmerzes als Knechtigung des modernen Menschen durch das kapitalistische Joch?

Es gibt aber eben auch eine positive Deutungsmöglichkeit: Trotz aller widriger Umstände bildet Conan eine stoische Gelassenheit aus, mit der er sein Rad vorantreibt. Die äußeren Einflüsse, selbst Schnee und Eis, scheinen ihn nur minimal zu beeinflussen. Auch ist das Rad nicht der letzte Faktor in der Wesensbildung Conans: Später, als Gladiator, erlernt er seine Tödlichkeit und Konfliktfreude, mit seinen Gefährten schließlich die Menschlichkeit und überwindet zu guter Letzt durch den Tod von Thulsa Doom die Geister seiner Vergangenheit. Das Rad bildet dabei den ersten Punkt in der Entstehung eines Charakters der mehr als nur „larger than life“ erscheint!

Gentle Giant in Phasen

Gentle Giant gehören zu den herausragenden Rockbands der 70er Jahre. Ihre Musik war originell und einfallsreich, komplex und doch hörbar, klug und doch intuitiv erfassbar. Ihre Live-Auftritte blieben den Zeitgenossen unvergessen, so spielfreudig und gewitzt zeigten sie sich auf der Bühne. Selbst in ihrer Sparte, dem Progressive Rock, werden sie jedoch bis heute meist nur in der zweiten Reihe genannt, hinter anderen Größen wie King Crimson, Yes, Genesis oder Emerson, Lake & Palmer. Das mag vielleicht daran liegen, dass sich die Gruppe stets unauffällig präsentierte und keinen Bohei um sich förderte, wohingegen King Crimson ob der intellektuellen Unnahbarkeit, Genesis ob der dramatischen Bühnenshow, Yes ob ihres Spiritualismus und insbesondere ELP mit ihrem Star-Kult ganz andere Wege gingen. Wenn Gentle Giant also nicht wegen ihrer Musik, sondern der fehlenden Aufmerksamkeit nicht zur ersten Garde des Progressive Rock gezählt werden, dann ist das schade und wird dem Schaffen der Briten kaum gerecht.

Ich habe den folgenden Aufsatz in einem Gruppenforum auf last.fm geschrieben und da ihn dort viele Mitglieder für hilfreich erachteten, dachte ich mir, dass ich ihn aus dem Englischen ins Deutsche übersetze und mit ein paar Anmerkungen auch für die Leserschaft dieses Blogs aufbereiten könnte. Ziel der kurzen Aufstellung war es, die Diskographie von Gentle Giant in Phasen aufzuteilen und so einen kleinen Wegweiser für Einsteiger und möglicherweise auch Fortgeschrittene zu liefern, die bereits in den Gentle-Giant-Kosmos eingestiegen sind und sich fragen, welche Investition als Nächstes lohnt. Dabei war mir das Internetportal der Babyblauen Seiten besonders hilfreich. Für den Prog-Fan sollten diese Seiten ohnehin obligatorisch sein.

1. Die frühe Phase

Auf den beiden ersten Alben der Band, dem selbstbetitelten Erstling und „Acquiring the Taste“, wirkt der Sound noch sehr roh und die einzelnen Stücke zeigen mitunter keinen Zusammenhang. Man hört, dass die Band nach ihrem Sound sucht und sie experimentiert noch in Richtungen, die sie später nicht weiter verfolgen wird. Gerade auf dem ersten Album befinden sich Rocknummern, die in Relation zu späteren Machwerken in der Qualität deutlich abfallen. Trotzdem haben beide Alben einen enormen Charme, den gerade dieses Unfertige ausmacht.

Ich würde sie nicht für den Einsteiger empfehlen. Aber nachdem man sich durch die Phasen 2 und 3 gehört hat, geben diese Alben einen guten Einblick in die Selbstfindungsphase. Der ehemalige Grobschnitt-Schlagzeuger Eroc hat diese Alben Mitte der 2000er neu abgemischt. Der Sound dieser neuen Mixes ist einfach genial und ist früheren CD-Versionen um Längen überlegen. Wer sich die beiden Alben anschaffen möchte, sollte also zu diesen Versionen greifen, die zudem im schönen Mini-LP-Design daherkommen.

2. Die fast-schon-filigrane Phase

Der Name mag zunächst komisch klingen (es ist auch eine schwierige Adaption des noch kryptischeren „pre sophisticated phase“, das ich im Englischen hierfür verwendet habe), doch ich werde es gleich erklären. Die beiden Alben aus dieser Phase, „Three Friends“ und „Octopus“, erschienen 1972 und gleichen sich doch kaum. Three Friends, das dritte Gentle-Giant-Album erscheint wie eine stämmige Mixtur aus Hard Rock und Progressive Rock, die hin und wieder auch zum Headbanging einlädt und eine komptakte, filigrane (da haben wir das Wort) Zusammenfassung der beiden ersten Alben bildet. Der Sound ist roh (ich empfehle erneut die remasterte Version von Eroc!) und irgendwie industriell.

Ganz anders mutet da Octopus an! Dieses Album wird für die kommenden Schaffensphase der Band den Ton angeben und viele Details, die der Hörer üblicherweise mit Gentle Giant verbindet, finden sich hier bereits voll ausgeprägt: Mittelalter/Renaissance-Ambiente, schräge Harmonien und natürlich die polyphonen Gesangsstimmen. Octopus bleibt dabei erstaunlich hörbar und bietet einen Ohrwurm nach dem anderen. Es sei daher als Einstiegsplatte durchaus empfohlen. Auch hier ist die Remaster-Version von Eroc ein Muss! Da die nachfolgenden Alben nicht mehr bei Vertigo erschienen, ist es aber das bislang letzte Album, dass der ehemalige Grobschnitt-Schlagzeuger veredelt hat.

3. Die filigrane Phase

Höhepunkt des Schaffens der Briten bilden aber diese drei Alben: „In a Glass House“, „The Power and the Glory“ und „Freehand“, die auch auf dem Höhepunkt der Progressive-Rock-Welle allgmein (von 1973 bis 1975) erschienen sind. Das liegt natürlich auch daran, dass sich endlich ein stabiles Line-Up etabliert hatte (neben den beiden verbliebenen Shulman-Brüdern Derek und Ray: Gary Green, Kerry Minnear und Schlagzeugzausel John Weathers). Es ist schwierig, einen Favoriten aus diesen Dreien zu benennen, mir gefällt grundsätzlich das Album am besten, das ich gerade höre. Dabei schafft sich jedes Album sein eigenes Ambiente und seine eigene Stimmung. Musikalisch präsentieren Gentle Giant einen unglaublich ausgefeilten Rock, der durch seine unkonventionellen Melodien und die mehrstimmigen Passagen brilliert.

Nach Octopus und Three Friends sollten also unbedingt diese drei Alben auf dem Programm stehen. Wer nicht so viel Geld ausgeben möchte und nur ein Album besitzen möchte, der wähle sich unter diesen Dreien eines aus. Der Sound liegt hier irgendwo zwischen „Octopus“ und „Three Friends“, wie eine Synthese aus Moderne und Mittelalter – ziemlich zeitlos. 2005 erschienen zu diesen Alben remasterte Version, die mittlerweile unter dem Label „Alucard“ von Kerry Minnear vertrieben werden. Diese weisen nicht die hohe Qualität der vorherigen Remasters auf, sind aber wiederum den alten Versionen deutlich überlegen.

4. Die späte Phase

Wir kommen nun zu Alben, die ich weniger gehört habe, ich werde mich also nicht auf das Glatteis begeben, mich tiefergehend zu Inhalten und Qualität zu äußern. „Interview“ (1975) dürfte von vielen Hörern, sofern sie mein Schema benutzen, auch in die filigrane Phase eingeordnet werden. Mir erschien es beim Hören jedoch ein klein wenig unterhalb der Schwelle, sodass ich es zusammen mit „The Missing Piece“ von 1977 – zu einer Zeit, als der Progressive Rock schon out-of-date war – in eine, allerdings immer noch von diesem Stil geprägte, Spätphase einordnen möchte.

Mit letzterem Album scheinen sich Gentle Giant schon von einigen Ansprüchen getrennt zu haben, um noch einmal eine etwas größere Hörerschaft zu bekommen. Damit reihen sie sich wiederum in einen allgemeinen Prozess ein, denn auch Gruppen wie Genesis oder ELP bemühten sich zu dieser Zeit, ihre Songstrukturen nicht mehr ausufern zu lassen. Das kann man schade finden oder wiederum nicht. Interview und The Missing Piece ergänzen eine vorhandene Sammlung genauso gut wie die Alben der ersten Phase. Mit der Vier-CD-Box „I Lost my Head – The Chrysalis Years (1975-1980)“ sind die Alben mittlerweile günstig zu bekommen.

5. Die Pop-Phase

Als reine Ergänzung zu einer vorhandenen Sammlung, aber auch wirklich nur als Komplettierungsgrund, mögen diese beiden Nachzügler dienen. Beide Alben habe ich insgesamt nur ein- oder zweimal gehört, wobei „Giant For A Day“ von 1978 nicht ganz so belanglos wie Civilian von 1980 erscheint. Vielleicht stimmt es ja, dass Gentle Giant auch ins Pop-Geschäft einsteigen wollten. Vielleicht war aber auch nur die Luft nach vielen fantastischen und einzigarten Alben heraus – wer wollte es ihnen verübeln? Da die Alben mittlerweile in der Chrysalis-Box erschienen sind (s.o.) lassen sie sich aber für wenig Geld gefahrlos beziehen. Insgesamt sollte das großartige Werk der Briten mit „The Missing Piece“ aber als abgeschlossen betrachtet werden. Aber Halt!

6. Live, Live, Live!

Ich habe mich um eine Einteilung des Studiowerks der Gruppe gekümmert, aber Gentle Giant darf einfach nicht ohne ihre überrangende Bühnenperformance erwähnt bleiben. Wer sofort angefixt werden möchte, der besorge sich eine der größten Live-Alben dieses Planeten: „Playing The Fool“ (1976)! Die Musik sprudelt sogleich ins Ohr, in den Verstand und ins Herz. Großartige Soli sowie Gimmicks à la „die ganze Gruppe trommelt sich einen Wolf“ lockern die Stücke auf und geben ihr die Portion Pepp und Würze, die vielleicht der ein oder andere Hörer auf den Studioalben vermissen lässt.

Mittlerweile sind eine Menge Live-Alben von Gentle Giant erschienen, aber viele kommen über mäßige Bootleg-Qualität nicht hinaus und könnten diese Platte, die auf dem Höhepunkt des gentle-giantschen Schaffens entstanden ist, nicht toppen. Wer darüber hinaus noch die passenden visuellen Eindrücke vorgesetzt bekommen möchte, dem empfehle ich die DVD „Giant on the Box“, die ein vom ZDF(!) aufgezeichnetes Konzert der Gruppe zeigt und der Qualität von Playing The Fool ziemlich nahe kommt.

So, das war’s! Ich hoffe, ich konnte dem Neuling wie dem (vielleicht nicht ganz so) alten Hasen ein paar hilfreiche Tipps geben. Kommentare und Anregungen sind mir sehr willkommen, schließlich wird es so sein, dass einige Liebhaber der Gruppe eine ganz andere Aufteilung vornehmen würden oder für den Einstieg ein anderes Album empfehlen.

Anarchistische Annäherungen

kommounes pantoi (c) Alexander Gogos

„kommounes pantou“ – Photo von Alexander Gogos

Er wirkt ein wenig wie das schwarze Entlein der politischen Bewegungen des 19. Jahrhunderts. Sozialismus, Liberalismus, Konservatismus – sie alle haben sich halten können, sind etabliert und werden kaum noch hinterfragt. Der Anarchismus dagegen wird verkannt, veralbert und auf das jugendlich naive Streben einiger Subkulturen reduziert. Den Urhebern des theoretischen Anarchismus lag sicher wenig an dem, was wir heute landläufig damit verbinden. Denn Anarchie sollte alles andere als den Wegfall von Werten und Moral bedeuten – sie sollten vielmehr den Menschen ohne aufoktroyierte Gesetze von oben aus der Notwendigkeit des Miteinanders heraus verbindlich sein. Das wiederum klingt naiv? Für Zyniker bestimmt. An dieser Stelle möchte ich davon berichten, warum ich das politiktheoretische Stiefkind überhaupt ausgegraben habe und warum ich denke, dass es sich durchaus lohnt, einige anarchistische Gedanken wiederaufleben zu lassen.

Sich fügen heißt lügen

Am Anfang steht die Beschäftigung mit einem bemerkenswerten Schriftsteller. Die ZEIT-Ausgabe Nr. 47 vom November 2009 kam mit einer Sonderbeilage in den Briefkasten: „Vordenker, Vorbilder, Visionäre. 50 Deutsche von gestern für die Welt von morgen“. Die Bilder auf der Titelseite machten mich stutzig, weil neben Altbekannten (Luther, Einstein) auch Unerwartete (Stan Libuda, Hans-Joachim Kulenkampff) und auch (zumindest mir) Unbekannte zu sehen waren. Einer dieser Unbekannten war ein bärtiger Unhold namens Erich Mühsam und er weckte auch gleich, nicht nur aufgrund seines Aussehens, mein Interesse:

Geboren 1878 in Berlin, lebte er die ersten Jahre in Lübeck und zog später durch halb Europa, ohne Arbeit, ohne Geld, half sich mit Gelegenheitsschreiberei aus. Doch dieser scheinbar flatterhafte Lebemann und Bohemien hatte es faustdick hinter den Ohren: Kommunistischer Anarchismus, das war seine Leidenschaft; das Ende des Kapitalismus sehnte er herbei, aber nicht durch gewaltsame Revolution wie andere Kommunisten, schon gar nicht durch Etablierung einer Partei, was ja doch nur einen Wechsel der Herrschaft bedeuten und in der gleichen Tyrannei enden würde. Nein, Mühsam träumte von der friedlichen Revolution und der moralischen Wende. Einen Traum, den er seit den Anfängen des 20. Jahrhunderts auch, wo es sich ihm anbot, publizierte, teils in Essays, teils in Gedichten. Mühsam war so überzeugt von seinen Ideen, dass ihn auch Haft und Folter während des 1. Weltkrieges (den er selbstverständlich verurteilte) nicht ruhigstellen konnten. Im Gefängnis schrieb er die Zeilen:

Ich hab’s mein Lebtag nicht gelernt,
mich fremdem Zwang zu fügen.
Jetzt haben sie mich einkasernt,
von Heim und Weib und Werk entfernt.
Doch ob sie mich erschlügen:
Sich fügen heißt lügen! […]
(Erich Mühsam, Der Gefangene)

Diese Zeilen blieben auch nach dem 1. Weltkrieg für Mühsam programmatisch. Nachdem er versucht hatte, mit seinem Freund und Idol Gustav Landauer die Räterepubliken in Bayern aufzubauen, befand er sich nach erneuter Inhaftierung (diesmal durch die Sozialdemokraten) schnell wieder in der Opposition – und die wurde spätestens ab ’33 höchst gefährlich. Mühsam wurde von den Nazis schon kurz nach der Machtübertragung an Hitler im KZ Oranienburg inhaftiert, wo er nach Demütigungen und Folterungen ein Jahr später ermordet wurde.

Mühsam, Landauer, Kropotkin

Gefügt hatte sich Mühsam jedoch auch den Nazis nicht und dies fand ich beeindruckend. Ein paar Tage später trudelte dann auch schon der Reclam-Band über Mühsams Dichtungen und Essays ins Haus, den ich aufmerksam und mit wachsender Begeisterung las. Mühsam wird in Lyriker-Kreisen kaum beachtet, weil er formal eher simpel schrieb und sich nicht dem Zeitgeist anbiederte. Dabei steckt so viel sprachlich Trickreiches und Eigenes in seinem Werk! Auch in seinen Essays konnte ich viel Vernunft entdecken, sodass ich gleich hin und weg war.

Über Mühsam hinaus waren dann Gustav Landauer und dessen Vordenker Peter Kropotkin auf dem Programm. Und nur Referate und Hausarbeiten verhinderten bislang eine tiefgründigere Auseinandersetzung. Zumindest habe ich ein wenig über das Wesen dessen verstehen können, woran Mühsam mit unerschütterlichem Willen glaubte: Bei dem Anarchismus geht es um Gleichheit und Gleichberechtigung, Mensch und Menschlichkeit, Individuum und Gemeinschaft. Klingt gut? Aber?

APPD vs. Kibbuz

Hier möchte ich nur noch auf die heutige Situation zu sprechen kommen. Es ist ja nicht so, dass der Anarchismus tot wäre. Nur, wie der Jazz, riecht er in unseren Nasen ein bisschen komisch. Das liegt zunächst, wie in der Einleitung angedeutet, an unserem falschen Verständnis von Anarchie, die wir mit Anomie, das heißt: einem Wegfall von Moral und gemeinschaftlichen Werten, gleichsetzen – und der Anarchismus, so denken wir, müsste diesen schlimmen Zustand wohl herbeiführen wollen. Möchtegernwitzige Spaßparteien wie die APPD, die „Anarchistische Pogo-Partei Deutschlands„, nähren diese Vorstellung, genauso wie vermummte Antifa-Aktivisten, die gern im Zeichen des Anarchismus mit Steinen um sich werfen. Beides kann im Sinne von Mühsam, Landauer und Kropotkin nicht als anarchistisch gelten. Ist der Anarchismus deshalb tot?

Nein! Und die Antwort gab mir ein weiterer Artikel in der ZEIT, diesmal vom 3. Dezember 2009. Dort, auf der letzten Seite, prangte der Titel „Mit Marx in die Wüste“. Erzählt wurde der Lebenslauf der jüdischen Kibbuzbewegung, die im Zuge des Zionismus um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert stattfand. Vom Prinzip des Kibbuz hatte ich gehört, aber mir war neu, dass es heutzutage noch autarke Kommunen in Israel gibt, die nur gemeinschaftlichen Besitz kennen und nicht für den Gewinn, sondern für das Gemeinwohl wirtschaften. Allein dieses Beispiel zeigt, dass anarchistische Bewegungen, wenn auch in sehr kleinen Rahmen, durchaus Erfolg haben konnten und dass uns vielleicht die ein oder andere anarchistische Idee heute ganz gut tun würde.

Demokratie von Athen bis Zürich

Eine Mehrheitsdiktatur kann für die Minderheit fürchterlich sein.
(Karl R. Popper, Wer soll herrschen?)

Ob Piratenpartei, FDP oder SPD – zeichnet sich eine gewisse Politikverdrossenheit ab, rufen die deutschen Parteien gern das Schlagwort „direkte Demokratie“ aus. Mehr Volksentscheide, Bürgerinitiativen, et al. Wieso? Weil wir nach dem Mitmach-Web den Mitmach-Staat brauchen? Weil eine Demokratie, die „dem deutschen Volke“ gewidmet ist, auch mehr Initiative der Masse fordert? Gleich wie die Antwort ausfällt, direkte Demokratien und die Mehrheitsbeschlüsse der Menge sind vor allem eines: gefährlich.

Aktuell sehen wir das in der Schweiz: Durch eine populistische Kampagne, die die Ängste der Mehrheit schürte, wurde diese dazu veranlasst, die (ohne Zweifel international verbriefte) Freiheit einer Minderheit einzuschränken [Es handelte sich dabei um den sog. Schweizer Minarettstreit, Anm. d. Verf.]. Einfach so. Durchs Volk. Ohne eine eindeutige Stellung in dieser Angelegenheit zu beziehen, lässt sich an dieser Stelle sehen, wie durch das Votum der Mehrheit die Minderheit gegängelt wurde. Das ist – und wahr immer – eine der ungesunden Nebenwirkungen der direkten Demokratie. Gern beruft man sich ja in Europa auf eine 2500 Jahre währende Tradition der Demokratie, die in Athen ihren Ursprung nahm. Das gute Athen! Die Verherrlichung der alten Griechen aus Attika basiert heutzutage ja geradezu auf ihrer Staatsform.

Probleme der athenischen Demokratie

Was jedoch ohne Vorwissen wie das verheißungsvolle Fundament der europäischen Freiheit aussieht, zeigt auf den näheren Blick deutliche Schwächen und Mängel. Probleme, wie Populismus oder gar Demagogie (eben vom altgriechischen démos – Volk und ágein – führen) waren Alltag; besonders die ungebildete Unterschicht, die als Ruderer nach den Perserkriegen und dem Aufstieg Athens als Seemacht, einen deutlichen Machtzuwachs bekam, indem ihre Stimmen in der Volksversammlung gewertet wurden, zeigte sich empfänglich für die Reden der Volksverführer, wie sie zum Beispiel die heute verklärte Lichtgestalt des Perikles darstellt.

Wo Mehrheiten sind, sind zwangsläufig Minderheiten. Und mit denen umzugehen wusste man in Athen auf folgende Weise: Durch den sog. Ostrakismos, das Scherbengericht, konnten Rädelsführer der Opposition aus der Stadt verbannt werden, was ab den 480er Jahren auch intensiv genutzt wurde. Eines der ersten prominenten Opfer war Themistokles, der die Stadt vorher noch im Krieg gegen die Perser entscheidend unterstützt hatte, indem er den Bau der Schiffe beauftragt hatte, welche die Flotte des Xerxes bei Salamis beinahe komplett vernichteten und somit Athen die Freiheit retteten. Danach war sein Einfluss auf die Masse viel zu groß, als dass man ihn hätte weiterhin seine Meinung kundtun lassen können. Er wurde ostrakisiert, d.h. eine Versammlung des Volkes stimmte anonym durch Stimmsteine in der Mehrheit für seine Verbannung aus der Stadt für 10 Jahre.

Der Ostrakismos, der ursprünglich eingerichtet worden war, um eine erneute Tyrannis in Athen zu verhindern, wandelte sich mehr und mehr zu einem Willkürwerkzeug der Wortführer. Doch auch andere Ebenen der Politik waren von der radikaldemokratischen Willkür betroffen, so erzählt Platon von der Gerichtsverhandlung seines Lehrers Sokrates, in dessen Verlauf er erst milde bestraft werden sollte und dann wiederum zum Tod verurteilt wurde. Der Verlauf der Handlung spiegelt sicher Platons eigene Kritik an der athenischen Demokratie wider, zeigt aber eben deutlich, wie sehr sich der Pöbel von wenigen Worten zu drastischen Maßnahmen verleiten ließ.

Also: direkt oder parlamentarisch?

Die Probleme, wie sie in Athen vorhanden waren, sind heute so aktuell wie damals. Nur hat sich die Moderne der Tricks des Parlamentarismus und der Verfassung bedient, um die Willkür der Mehrheitsentscheidungen mit Werten und Normen zu versehen. Dass auch diese Form krasse Fehler wie zum Beispiel die Machtübertragung (eben nicht Machtergreifung) an die NSDAP anno ’33 ermöglichte, zeigt, dass es so etwas wie die ideale Demokratie – oder gar die ideale Staatsform – nicht geben kann; dass aber immerhin eine Annäherung dahin möglich ist, wie das Grundgesetz und die politische Ordnung der Bundesrepublik Deutschland zeigen.

Würden sich manche Parteien mit ihren Forderungen durchsetzen können, sähen wir uns bald einer neuen Propagandaflut ausgesetzt. Nicht nur zu den Wahlzeiten, sondern auch zu jedem Anlass der Volksabstimmungen, wären unsere Straßen mit Plakaten der Wort- und Meinungsführer zugekleistert; dazu die Aufrufe im Fernsehen und im Radio – von der Maschinerie im Internet gar nicht erst zu sprechen. Und das wofür? Für Mehrheitsbeschlüsse, die wiederum in der Mehrheit von solchen getätigt werden, die überhaupt keine Einsicht oder Übersicht der Thematik haben und den BILDern aus den Medien glauben schenken.

Die parlamentarische Demokratie ist sicher nicht das beste, was sich die Menschen zu ihrem Wohle vorstellen können, aber sie ist ein fähiges System, das in größten Teilen den Schutz seiner Minderheiten garantiert. Eine gute Demokratie müssen wir also daran messen, wie sie mit ihren Minderheiten umgeht – und in dieser Hinsicht lässt sich dieser Tage gut gegen die Schweiz, die vermeintliche Bastion der Freiheit und Neutralität, argumentieren. Zum Abschluss möchte ich noch eine Passage aus einer Rede Karl Poppers, aus der ich eingangs bereits zitierte, wiedergeben, da sie meine Gedanken, und das finde ich überraschend, gut zusammenfasst:

Aber der vielleicht stärkste Einwand gegen die Theorie der Volksherrschaft ist, daß sie eine irrationale Ideologie, einen Aberglauben fördert: den autoritären und relativistischen Aberglauben, daß das Volk (oder die Majorität) nicht Unrecht haben kann und nicht Unrecht tun kann. Diese Ideologie ist unmoralisch und muß abgelehnt werden. Wir wissen von Thukydides, daß die Athenische Demokratie (die ich in vielem bewundere) auch verbrecherische Beschlüsse gefaßt hat. Sie überfiel (wenn auch nicht ohne Warnung) die neutrale Inselstadt Melos, tötete alle Männer und verkaufte alle Frauen und Kinder auf den großen Sklavenmärkten. Dazu war die Athenische Demokratie fähig.
(Karl R. Popper, Wer soll herrschen?)

Nachtrag, 18. Februar 2010

Vor ein paar Wochen schrieb ich über den Umgang von Mehrheiten mit Minderheiten in demokratischen Gesellschaften. Gestern habe ich den Kommentar eines Passanten im Fernsehen gesehen, der die Frage, ob Muslime Moscheen in deutschen Städten bauen dürften, mit folgender Begründung verneinte: „Wir leben hier in einer Demokratie. Und in einer Demokratie müssen sich die Minderheiten den Mehrheiten anpassen“. Wie kann es zu solch einem fatalen Demokratieverständnis kommen?

Jedenfalls wünsche ich mir von allen, die ein gesundes Demokratieverständnis besitzen, sich gegen die landläufige Meinung „Warum sollen die hier Moscheen bauen, wenn wir bei denen keine Kirchen bauen dürfen?“ zu wehren. Nicht nur, dass die, die hier Moscheen bauen möchten, mitunter auch deutsche Staatsbürger sind: Die EU hat es der Türkei zur Auflage gemacht, mit seinen Minoritäten, seien es ethnische oder religiöse, toleranter umzugehen, bevor sie ihr beitreten darf. Wer solche Forderungen stellt, der muss auch mit gutem Beispiel vorangehen.

Gartenarbeit

Es gibt Dinge, vor denen ich mich bislang erfolgreich gedrückt habe oder für deren Vollstreckung ich immer als zu unreif erachtet wurde. Eine von diesen Dingen ist die Gartenarbeit. Jahrelang saß ich in meinem stillen Kämmerlein und hörte das heimelnde Tosen des Rasenmähers draußen, sah Hacken und Harken durch die Scheibe, Sähen und Jäten. Nun eröffnete mir das Schicksal jedoch die Möglichkeit zur Habilitation; gar von mir selbst initiiert übernahm ich die Kontrolle über eine der letzten wilden Fluren des Oberbergischen, den Garten meines Vaters.

Heute treibt es mich zum dritten Mal auf die Wiese, die sich in einem sanften Kessel zur linken des Hauses den Hang hoch um ein kleines Bächlein schmiegt. Gleich zuerst stelle ich fest, dass die provisorischen Grashaufen, die ich nach der Erstbesteigung, pardon, nach dem ersten Mähdurchlauf aufgehäuft hatte, doch etwas frühzeitiger wieder hätten abgetragen werden sollen, jetzt hat sich der Schimmel breit gemacht. Die braune Tonne weist zum Glück keinen Inhalt auf, daher rolle ich sie zur Wiese hinauf, ziehe mir Handschuhe an, kehre die Haufen zusammen und werfe sie dann hinein. Als wäre es ein Bestandteil weit höherer Planung gewesen, ist sie am Ende bis zum Rand voll, dementsprechend mürrisch und behäbig trottet sie auch wieder hinter mir her, an ihren Platz unter dem Carport.

In einem der Haufen habe ich auch gleich ein sonderbares Kuriosum entdeckt, eine Blindschleiche nämlich. Diese hier scheint recht jung zu sein, denn sie misst sicher nicht mehr als 15cm Länge. Behutsam nehme ich das artengefährdete Schlangentier [Anm.: es ist trotz ihrer Form eine Echse] zwischen meine behandschuhten Finger und bringe sie dorthin, wo sie nicht in Konfrontation mit den rotierenden Messern des Mähers kommen kann.

Überhaupt, während meiner Stunden auf der Wiese sehe ich die Natur um mich herum in einem anderen Licht als gewöhnlich. Plötzlich liebe ich all das Leben um mich herum; die Blumen, die Bienen, selbst große, langbeinige Spinnen, die daheim an der Wand nach dem Pantoffel schreien, hier mag ich sie gern. Sie gehören ja auch alle hierher, in diese Wiese, und ja, sobald ich die fressende Benzinmaschine auf Touren ziehe fühle ich mich schuldig, erbärmlich schuldig. Wie ein mordender Unhold knattere ich über das intakte Ökosystem, nehme Gänse-, Butterblumen und Löwenzähnen ihre Pracht, fahre über eine Schnecke, deren Innerstes nach außen quillt, störe Bienen bei ihrer Arbeit, indem ich Sträucher schubse und ihre Anlaufstellen wie beschrieben dezimiere. Wozu das alles? Welcher Ästhetik entspricht dieses barbarische Kleintrimmen?

Irgendwie gewöhne ich mich daran, ergebe mich dem kulturellen Zwang, entschuldige mich aber trotzdem alle zwei Meter für meine Schandtaten. Und es geht sehr gemächlich voran. Die Wiese erkämpft sich ihr Recht schnell wieder zurück, noch dazu hat es die letzten Tage geregnet, wenige Quadratmeter fallen meinem Wüten zum Opfer. Der Nachbar, ein älterer Herr, gab mir vorher ein paar nützliche Tipps. „Halve Breite fahn!“, sprach er, „Und schließ die Zünnkächzen aff, wennde da das Gras unnen raustust, wenn’s verstopft is!“. Da habe ich genickt und mich freundlich bedankt, schließlich mag ich meine Hände gern behalten und das nasse, hohe Gras zwingt mich alle paar Schritte dazu, den Motor auszumachen und es herauszuholen, aus dem „Kanal“, wie der Nachbar das nennt.

Schließlich kommt mein Vater und sagt mir, dass wir bald fahren, Mittagessen bei der Großmutter. Puh, dann kann ich das hier vorerst beenden, auch wenn mir mein Gewissen sagt, dass ich gar nicht erst hätte anfangen sollen und mein Verstand, dass ich wohl übermorgen wieder herkommen sollte. So ist denn die Gartenarbeit ein zweischneidiges Schwert, irgendwo zwischen amoralischem Eifer und verpflichtender Kontinuität – nebenbei, für meine Verhältnisse, auch eine recht lukrative Erwerbstätigkeit, aber das nur am Rande, versteht sich.

Die Schilddrüse

Da sitze ich und warte. Gottseidank habe ich die Praxis auf Anhieb gefunden, gut, auf Umwegen, aber nun bin ich hier. Das Wartezimmer ist eher ein Warteflur, ich bin der jüngste, studiere den Focus, weil’s keine bessere Zeitschrift gab, außer diesen Klatschblättern. Eine Weile vergeht, Menschen kommen und gehen, manche benehmen sich nach Routine, ich fühle mich wie immer unwohl.

Vor mir geht eine Tür auf, eine Frau sagt meinen Namen, da verlasse ich meinen Platz und folge ihr. „Nehmen Sie Platz“, der Stuhl hat eine verdächte Armauflage an der linken Seite. „Ich hätte doch nicht nüchtern sein müssen?“, „Nein, das ist O.K. – bitte ballen Sie die Hand zu einer Faust“. Nachdem die Ampulle gefällt ist, werde ich nach draußen geschickt, nach unten, rechts, in ein anderes Wartezimmer. Ich irre herum, wie immer, und schließlich erbarmt sich eine freundliche Arzthelferin, zeigt mir den Weg, die Treppen runter.

Dort sitze ich wieder und warte. Ich bin immer noch der jüngste, diesmal radikal, ich grüße artig und respektvoll. Mangels Alternativen greife ich zu einer Kochzeitschrift. Ich überfliege Namen, rustikale, fremdländische, Bilder, die alle in diesem abgeschmackten Weiß gehalten sind, Gerichte, die wie kunstvolle Stillleben, denn essbare Genüsse, erscheinen. Ein Rentnerpaar verabschiedet sich von Bekannten, in einem Dialekt, der mir kaum bekannt ist, Sauerländer Platt, wat man he opp de Dörfer spricht.

Da geht wieder eine Tür auf, diesmal zur Rechten, mein Name fällt, ich lege die Zeitschrift beiseite und folge. Der Arzt ist klein, schmächtig und freundlich, auch er ist in diesem abgeschmackten Weiß gekleidet, aber das gehört ja zu seiner Zunft, und er soll meinen Appetit auch nicht anregen. Eine weitere Helferin deutet mir, mich hinzulegen; unangenehm ist es mir in der Horizontalen, der Arzt fragt nach meinen Beschwerden. Nachdem ich einige Symptome abgerufen habe, nickt er bedeutungsschwer, er hört das sicher öfter. Jetzt solle ich mir meinen Hals freimachen, den Kragen herunterziehen.

Das Ultraschallgerät drückt auf meinen Kehlkopf, atmen kann ich gut, aber ein Würgereflex will aufkommen, ich unterdrücke ihn, unbehaglich. Ich blicke zur Seite, auf seine Konsole, kleine Schalter, kastenförmiger Monitor, wie ein Oszillator; grün-graue Schemen im Dunkel, das soll ich sein. Kurz bevor ich seine Hand wegstoßen möchte, lässt er locker, ich darf mich aufsetzen, wische das Gel von meinem Hals. „Ihre Schilddrüse weist keine Knoten auf, daher ist keine Operation vonnöten.“, spricht er ruhig, wie von einem Tonband abgespielt, „Die Größe Ihrer Schilddrüse ist im oberen Grenzbereich, ob und wie wir medikamentös verfahren, wird Ihr Hausarzt entscheiden.“, mit einem herzlichen Händedruck werde ich entlassen.

Ich öffne die Tür, gehe nach draußen, schlucke einmal tief. Pillen, für den Rest meiner Tage, aber wenn es mir damit besser geht, ist es mir Recht.